"Mir wurde Schummel­ware verkauft."

Interview mit dem Besitzer eines manipulierten Dieses-Fahrzeugs

Björn Rohlfing (23) ist einer von 2,5 Millionen Auto-Besitzern, die der Abgasskandal wie ein Schlag getroffen hat. Wie auch er haben 99 % der Betroffenen bisher keine rechtlichen Schritte eingelegt. Im Interview erzählt Rohlfing von seinem Ärger über den Betrug, und ob er sich der Musterfeststellungsklage gegen VW anschließen wird.

Wann haben Sie erfahren, dass Sie vom Abgasskandal betroffen sind?

Sicher war ich mir, als das Aufforderungsschreiben zum Software-Update in meinem Briefkasten gelandet ist. Die Zulassungsstelle hat mir darin angedroht, dass mein VW Passat Variant stillgelegt wird, wenn ich das Diesel-Software-Update nicht durchführe.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das Aufforderungsschreiben erhalten haben?

Das Schreiben kam völlig überraschend. Noch überraschender war jedoch, dass mir ein manipuliertes Auto untergejubelt worden ist. Wer rechnet denn damit?

Mein erster Gedanke war: Was mach ich denn jetzt? Entweder ich lasse das Software-Update durchführen, oder ich kann mein Auto nicht mehr fahren. Fast so nach dem Motto: „Friss oder stirb“.

Warum haben Sie sich dann auf das Software-Update eingelassen?

Eben aus diesem Grund. Ich hatte das Gefühl, es blieb mir nichts anderes übrig. Ich bin auf mein Auto angewiesen. In der Garage nützt es mir nichts.

Außerdem habe ich nicht eingesehen, mir ein neues Auto zu kaufen. Wozu auch? Ich hatte ein funktionierendes Auto.

Ein funktionierendes aber auch schickes Auto – Ihr erstes?

Ich habe davor schon ein anderes Fahrzeug gefahren, weil ich meinen Führerschein bereits mit 17 gemacht habe. Aber der Kauf dieses Passats war meine erste große Investition – mit knapp 20 Jahren. Mein Erspartes habe ich für diesen Wagen ausgegeben. Hätte ich gewusst, was sich unter der Karosserie versteckt, wäre mir wortwörtlich vieles erspart geblieben.

Was passierte nach dem Update? Ist Ihnen Negatives am Auto aufgefallen?

Mir ist aufgefallen, dass mein Auto einen höheren Verbrauch hat. Da ich viel mit dem Auto unterwegs bin, kommt da natürlich einiges zusammen.

Dabei weiß ich nicht, ob in Zukunft nicht noch mehr Probleme auftreten können. Denn bis heute bin ich noch darüber im Unklaren, was genau in mein Auto eingebaut wurde. Fakt ist, dass ich – unabhängig davon, ob ich ein Update durchführen lassen habe – betrogen wurde. Denn es gibt nichts schönzureden – mir wurde Schummelware verkauft.

Sie wohnen, wie man umgangssprachlich sagen würde, auf dem „platten Land“. Wahrscheinlich geht es gar nicht ohne Auto, oder?

Das ist richtig. Ich wohne im nördlichsten Dorf von Nordrhein-Westfalen. Knapp 1900 Menschen wohnen hier. Um von A nach B zu kommen, muss man lange Strecken fahren. Straßenbahnen oder U-Bahnen gibt es nicht. Was bleibt, ist der Bus, der aber auch nur zweimal am Tag fährt. Der bringt mich zwar zum nächsten Friseur, aber nicht dahin, wo ich auch hin muss. Ausgeschlossen, dass ich mein Auto einfach so stilllegen könnte. Vor allem verlangt der Beruf von mir, dass ich mobil bin.

Was machen Sie beruflich?

Ich bin selbständiger Landwirt und verantwortlich für einen großen Betrieb. Schon allein aufgrund organisatorischer Angelegenheiten bin ich ständig unterwegs. Die Tiere brauchen Futter, Medikamente, müssen transportiert werden. Dann fahre ich zu Händlern und besuche regelmäßig Auktionen, die 60 Kilometer entfernt sind. Außerdem besitzt meine Freundin Pferde und nimmt oft an Turnieren teil. Das ist auch ein Grund, warum wir häufig mit dem Auto unterwegs sind. Und ich kann sagen – Tier und Wagen wiegen einiges! Umso ärgerlicher, wenn das Fahrzeug mehr verbraucht.

Was ärgert Sie bei der ganzen Sache am meisten?

Tatsächlich bin ich nicht nur verärgert, sondern auch enttäuscht von einem Unternehmen, bei dem unsere Familie seit Generationen Autos kauft.

Dass mein Auto mehr verbraucht als vorher – okay, das hätte ich vielleicht noch verzeihen können. Aber dass ein Großunternehmen seine Kunden belügt und manipulierte Waren verkauft, ist einfach nicht akzeptabel.

Obwohl Sie sich ärgern, sind Sie noch nicht rechtlich gegen das Unternehmen vorgegangen, warum?

Aus einem Grund: Ich bin einfach unentschlossen. Ich bin noch nicht bereit, zum Anwalt zu gehen. Zum einen weiß ich gar nicht, welcher Anwalt qualifiziert genug ist und zum anderen bin ich mir unsicher, ob ich überhaupt Ansprüche geltend machen kann. Ob allein der erhöhte Leistungsverbrauch ausreicht – keine Ahnung. Ich habe daher keine Lust – und zugegeben auch nicht den Mut – gegen einen Großkonzern alleine Klage einzureichen.

Wir haben vor Anfang des Interviews über die Musterfeststellungsklage gesprochen. Wäre diese Option etwas für Sie?

Zumindest sehe ich darin für mich im Moment die beste Option. Denn wie ich erfahren habe, ist am 31.12.2018 Schluss. Wenn es eine Musterfeststellungsklage für mich gibt, sichere ich mir erst einmal meine Ansprüche. Das hat Priorität. Danach sehe ich weiter.